Heike Kaiser-Blömker

Einzel- und Paartherapie - Sexualtherapie - Psychoonkologie

Halt – Haltung – Gehaltensein

Datum: 01. März 2019

Halt! Stopp! Bis hier her und nicht weiter. Hier bedeutet: Halt eine Grenze. Im Sinne von Innehalten. Anhalten. Ab hier kann ich es (die Situation) oder dich (mein Gegenüber) nicht mehr aushalten. Es reicht. Hier ist meine Grenze erreicht. Ab hier kann ich es nicht mehr tolerieren, was mit mir oder anderen passiert. Hier fehlt es aus meiner Sicht mir an Respekt, Achtsamkeit, Gefühl oder Verstand. Argumente ergeben für mich keinen Sinn. Es macht keinen Sinn, hier weiter zu gehen.

Halt! Stopp! kann auch Gefahr bedeuten. Wir laufen Gefahr, verletzt zu werden. Die Höhle könnte einstürzen, der Boden birgt Untiefen, könnte wegbrechen. Der Raum ist voller Gase, es ist besser, ihn nicht zu betreten. Doch auch im übertragenen Sinn könnte so etwas in unserem Inneren passieren. Der Ort, an dem ich mich innerlich eingerichtet habe, scheint nicht mehr sicher. Ich habe Angst, er könnte einstürzen, ich den Halt verlieren, wegbrechen. Wenn ich jetzt nicht auf mich achtgebe, laufe ich Gefahr, Schaden zu nehmen. Unbekannte innere Räume scheinen noch nicht so sicher, als dass ich sie betreten könnte – wer weiß, was dort auf mich wartet? Wer weiß, was mit mir passiert, wenn ich diesen unbekannten Ort betrete?

Menschen begegnen mir, die so ganz anders sind als ich. Vielleicht kommen sie aus einem anderen Land? Vielleicht haben sie ganz andere Einstellungen als ich? Vielleicht leben sie eine gänzlich andere Sexualität als ich? Wie offen bin ich all dem Fremden gegenüber? Fühle ich mich in der Lage, mich dem Neuen, Fremden zu öffnen? Mag ich tatsächlich hinfühlen und den Reiz erkennen, der dem Neuen innewohnt? Will ich mich dem hingeben? Bin ich bereit, meine innere Landschaft mit weiteren Erfahrungen zu füllen? Oder gibt mir mein inneres Stoppschild die Sicherheit, die ich brauche, um meinen inneren Halt zu halten?

Manchmal halten wir an, damit wir Luft holen, verschnaufen, Pause machen. Wir haben damit die Möglichkeit, zu schauen, was gerade ist. Im Außen stehen wir vielleicht auf einem Rastplatz, pausieren und sehen eine schöne Landschaft. Wir nehmen wahr, atmen durch, nehmen das Schöne in uns auf. Oder wir sind stattdessen mit unseren nötigsten Bedürfnissen unterwegs, müssen zur Toilette, haben Hunger, schmerzende Beine, sind müde vom langen Unterwegssein. Denn ein Anhalten gibt uns auch die Möglichkeit, unseren Bedürfnissen nachzuspüren und ihnen nachzugehen. Auch das können wir im übertragenen Sinn tun. Anhalten im Sinne von Innehalten, um ganz bewusst zu atmen, denn Atem ist Leben. Mit jedem bewussten Atemzug nehmen wir Leben in uns auf. Und mit jedem Ausatmen sterben wir ein kleines Stück. Wir geben Altes, Verbrauchtes ab. Wir sind einen Atemzug älter geworden. Dieser Augenblick kommt nicht mehr zurück. Er ist vorbei. Wir sind unserem Lebensende wieder ein Stück näher gekommen. Mit jedem Atemzug tun wir das. Leben und Sterben. Und irgendwann tun wir den letzten Atemzug. Wie schön ist es, wenn wir uns zwischendurch daran erinnern, innezuhalten und ganz bewusst zu atmen, uns daran erinnern, dass wir leben, denn sonst wären wir nicht hier. Innehalten, das Leben begrüßen, dankbar sein für den Augenblick; den Moment willkommen heißen, wahrnehmen, was ist – nichts ist, außer diesem Augenblick. Doch vielleicht beherrschen Bedürfnisse diesen Augenblick. Wenn ich zur Toilette muss, dann muss ich zur Toilette. Jetzt! Nicht später. So ist es auch mit den anderen Grundbedürfnissen. Wenn ich wirklich Hunger habe, dann nimmt das einen ziemlich großen Raum in mir ein. Manchmal beeinflusst er auch meine Gefühle. Dann bin ich in dem Augenblick ganz bei meinem Hungergefühl und damit beschäftigt, es zu stillen. Meine Haltung ist dann weniger achtsam und weniger beim anderen, denn das Bedürfnis, diesen Hunger zu stillen, nimmt mich stark in Beschlag. Kann ich es aushalten? Will ich es aushalten? Welche Möglichkeiten habe ich, dazu eine gute Haltung zu finden? Was bedeutet es eigentlich, eine gute Haltung dazu einzunehmen?

Geht es hier immer noch um Hunger, bzw. um Bedürfnisse als solche? Ja, vielleicht auch. Um was könnte es noch gehen, wenn ich an Haltung denke? Wozu soll ich Haltung einnehmen? Welche Haltung zeichnet mich aus? Zu welcher Haltung habe ich in meinem Leben gefunden?

Mit welcher Haltung begegne ich Menschen? Bin ich offen, skeptisch, verbindend, ausschließend, liebend, respektvoll, manipulativ, achtsam, wertschätzend, ehrlich, authentisch, spiegelnd …? Wo finde ich meine Haltung? Wer sagt mir, ob meine Haltung stimmt? Wem gegenüber bin ich für meine Haltung Rechenschaft schuldig?

Wo finde ich meinen Halt? Halte ich mich? Oder hält mich ein anderer? Wie bewahre ich meine Haltung? Was hält mich? Und woran halte ich mich fest? Wann halte ich aus? Und wieso tue ich das? Bin ich mir bewusst, dass ich immer dann, wenn ich etwas entscheide, eine Haltung für oder gegen etwas einnehme? Weiß ich, dass, wenn ich mich nicht entscheide, es auch etwas über meine Haltung aussagt? Hat Haltung etwas mit Verantwortung zu tun?

Ich finde meinen Halt immer deutlicher in mir selbst. Je mehr ich in Verbindung mit mir bin, desto weniger erschüttert mich das Außen. Es ist mir nicht gleichgültig, was außerhalb von mir passiert, das Gegenteil ist der Fall. Und doch spüre ich, dass meine eigene Basis stabiler ist, wenn ich mich darauf besinne, wer ich bin, was ich kann und was meine inneren und äußeren Kraftquellen sind.

Mir hilft die tägliche Meditation. Dabei gehe ich in Verbindung mit mir und mit der Kraft, die größer ist als ich. Ich muss nichts alleine tragen, aushalten. In mir gibt es einen Ort, der hell und heil ist. Dorthin kann ich mich jederzeit zurückziehen, auch dann und gerade dann, wenn ich augenscheinlich nichts mehr halten kann, wenn meine Haltung wankt, wenn ich ohne Halt zu sein scheine. Dort spüre ich, dass ich doch gehalten werde; dass ich eben nicht alleine bin. Darüber hinaus finde ich Halt in Begegnungen, die getragen sind von Freude, Liebe und Tiefe. Wunderschöne Augenblicke in der Natur erinnern mich daran, dass ich nur ein kleiner Punkt im Universum bin, und ich freue mich an dem Gedanken, dass ich mich an solche Augenblicke erinnern werde, wenn ich den Himmel über mir und in mir gerade nicht finde.

Es gab Zeiten, da hatte ich Angst, innere Räume zu betreten, die ich nicht kannte, die spürbar belegt waren von schwierigen Augenblicken. Ich dachte, sie nehmen mir den Halt, nach dem ich mich sehnte. Aber genau das Gegenteil ist passiert. Je mehr ich mich auch den dunkelsten Augenblicken in meinem Leben widme, desto mehr Licht scheint in mir. Die dunklen Räume werden lichter. Sie verlieren an Bedrohung und Schatten. Sie machen mir keine Angst mehr, überrumpeln mich nicht mehr. Im Gegenteil: Gerade dort in den dunklen Räumen finde ich Kraft, Erfahrung, Haltung und Halt.

Das wünsche ich Ihnen auch!

 

Heike Kaiser-Blömker

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